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Resonanzmodellfür Menschen in Verantwortung
Entwicklung beginnt mit einem Ereignis. Ereignisse verändern biologische, psychische und soziale Systeme. Das heißt also, etwas geschieht und verändert die bisherige Ordnung. Diese Veränderungen führen zu Übergängen. Ein Mensch durchläuft solch einen Übergang und bewegt sich dabei in sozialen Systemen, Rollen, Erwartungen und Verantwortungen. Irgendwann entsteht im Bewusstsein eine Bedeutung und eine eigene Antwort. Zum Beispiel durch Entscheidungen, Grenzen, Gespräche, Loslassen oder eine neue innere Ausrichtung. Aus dieser Antwort kann echte Entwicklung entstehen.
Biologisches System – Körper
Was braucht mein Körper? Dazu gehören Gesundheit, Atmung, Kreislauf, Sexualität, Hunger, Schlaf, Bewegung, Alter und Schmerz. Der Körper ist nicht nur Symptomträger. Er ist Resonanzorgan.
Psychisches System – Bewusstsein
Wie erlebe ich diese Welt? Dazu gehören Gedanken, Gefühle, Werte, Identität, Motive, Bedürfnisse, Erinnerungen, Fantasien und innere Anteile. Hier entsteht Bedeutung für Rollen, Werte und das Selbst.
Soziale Systeme – Kommunikation
Wo befinde ich mich gerade? Dazu gehören Partnerschaft, Familie, Unternehmen, Freundeskreis, Nachbarschaft und Gesellschaft. Hier entstehen Rollen, Erwartungen, Regeln und Kommunikation.
Grundlegend starten wir in den drei Beobachtungsebenen des Resonanzmodells. Körper – Was spüre ich? Bewusstsein – Was denke, fühle und deute ich? Kommunikation – In welchem sozialen Zusammenhang geschieht das? Diese drei Ebenen sind keine zusätzlichen Schritte. Sie begleiten den gesamten Entwicklungsprozess.
Was wollen wir zulassen?Entwicklung oder Überforderung?
Die zentrale Frage lautet nicht nur: Was soll ich tun? Sondern: In welchem System bin ich? In welcher Rolle werde ich gebraucht? Welche Erwartungen wirken auf mich? Welche Verantwortung übernehme ich? Wie reagiert mein Körper darauf? Und was bedeutet das für mich?
Menschen handeln nicht einfach „als sie selbst“.
Sie bewegen sich in Rollen, Systemen und Erwartungen. Eine Ausbilderin ist nicht nur Person, sondern auch Rollenträgerin. Ein Unternehmer ist nicht nur Mensch, sondern Navigator eines Systems. Ein Trainer ist nicht nur Wissensvermittler, sondern steht in Erwartungen von Teilnehmenden, Markt, Organisation und eigener Biografie.
Mein Modell betrachtet den Menschen deshalb als biologisches und psychisches Wesen, das sich gleichzeitig in sozialen Resonanzräumen bewegt. Entwicklung beginnt dort, wo Menschen erkennen, in welcher Rolle sie gerade handeln, welche Erwartungen auf sie wirken, welche Verantwortung sie tragen — und was ihr Körper und ihr Bewusstsein daraus machen. Mein Ansatz hilft Menschen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen. Damit sie Verantwortung tragen können, ohne sich in ihrer Rolle zu verlieren.
Praxisbeispiel 1: Vom Mitarbeiter zur Führungskraft.
Etwas geschieht. Die bisherige Ordnung verändert sich. Der Mensch durchläuft einen Übergang, bewegt sich in sozialen Systemen und erlebt Resonanz oder Entfremdung. Er gibt dem Erlebten Bedeutung und findet eine eigene Antwort. Daraus kann Entwicklung entstehen.
Die Abfolge des Resonanzmodells: 01 Auslöser: Ereignis → Veränderung | 02 Übergang: Abschied → Zwischenraum → Neubeginn | 03 Soziale Ordnung: System → Rolle → Erwartungen → Verantwortung | 04 Resonanz & Entwicklung: Resonanz/Entfremdung → Bedeutung → Antwort → Entwicklung
Wenn Kollegen zu Mitarbeitenden werden
Thomas war einer von ihnen. Er saß mit den anderen in der Pause, machte dieselben Witze, kannte die unausgesprochenen Regeln im Team und wusste genau, wer morgens erst nach dem zweiten Kaffee ansprechbar war. Er war zuverlässig, schnell und fachlich stark. Wenn es eng wurde, übernahm Thomas. Wenn ein Kunde ungeduldig wurde, blieb er ruhig. Wenn ein Kollege nicht weiterkam, half er. Nicht, weil es in seiner Stellenbeschreibung stand, sondern weil es für ihn selbstverständlich war. Im Team galt er als Leistungsträger. Nicht laut. Nicht dominant. Aber präsent.
Der Auslöser
(01. Ereignis – Etwas geschieht) – Dann kündigte die bisherige Teamleitung überraschend. Zwei Wochen später bat die Geschäftsführung Thomas zum Gespräch. „Wir möchten, dass Sie die Teamleitung übernehmen.“ Thomas sagte nicht sofort Ja. Er dachte an die Kollegen. An die gemeinsamen Pausen. An die Gespräche auf Augenhöhe. An die kleinen Beschwerden über „die da oben“. Und jetzt sollte er selbst ein Stück „da oben“ werden? Trotzdem nahm er die Aufgabe an. Das Ereignis war zunächst einfach eine Beförderung. Doch damit begann etwas, das weit über eine neue Stellenbezeichnung hinausging.
(02. Veränderung – Etwas ist danach anders) – Mit einem Schlag veränderte sich nicht nur Thomas‘ Aufgabe. Seine Position im Team veränderte sich. Gestern war er noch Kollege. Heute war er Führungskraft. Er sollte weiterhin mit denselben Menschen arbeiten – aber seine Beziehung zu ihnen war nicht mehr dieselbe. Andere Anforderungen kamen hinzu. Erwartungen verschoben sich. Entscheidungen, die früher andere getroffen hatten, lagen nun bei ihm. Äußerlich war es eine Beförderung. Innerlich begann ein Übergang.
Der Übergang
(03. Abschied – Das Alte trägt nicht mehr unverändert) – Am ersten Tag als Teamleiter ging Thomas in denselben Pausenraum wie immer. Er setzte sich an denselben Tisch. Aber etwas war anders. Die Gespräche wurden leiser, als er kam. Nicht feindlich. Nicht offen ablehnend. Aber vorsichtiger. Einer sagte: „Na Chef, auch mal Pause?“ Alle lachten. Thomas lachte mit. Doch er merkte: Die bisherige Selbstverständlichkeit der Kollegennähe war nicht mehr vollständig da. Er war noch derselbe Mensch. Aber er wurde nicht mehr genauso gesehen. Das war schwerer, als er erwartet hatte. Der erste Teil seines Übergangs bestand deshalb nicht darin, sofort ein guter Teamleiter zu werden. Er bestand darin, anzuerkennen, dass etwas Vergangenes nicht einfach unverändert weitergehen konnte.
(04. Zwischenraum – Nicht mehr Kollege, noch nicht sicher Führungskraft) – In den ersten Wochen versuchte Thomas, diesen Verlust zu vermeiden. Er wollte kein Chef sein, der sich abgrenzt. Er wollte nicht plötzlich anders sprechen. Er wollte nicht kontrollieren. Er wollte nicht einer von denen werden, über die man früher gemeinsam den Kopf geschüttelt hatte. Also sagte er häufig: „Macht einfach wie bisher.“ Oder: „Das kriegen wir schon hin.“ Oder: „Ich will mich da gar nicht groß einmischen.“ Zunächst fanden das alle angenehm. Bis die ersten Konflikte kamen. Ein Mitarbeiter kam wiederholt zu spät. Eine Kollegin übernahm zu viele Aufgaben und wurde gereizt. Zwei im Team redeten nicht mehr miteinander. Die Geschäftsführung fragte nach Kennzahlen. Ein Kunde beschwerte sich über Verzögerungen. Plötzlich reichte fachliche Leistung nicht mehr. Thomas konnte nicht mehr nur zeigen, dass er selbst gut arbeitet. Er musste entscheiden, Konflikte ansprechen, Orientierung geben und Verantwortung verteilen.
Genau hier zeigte sich der Zwischenraum: Die alte Rolle reichte nicht mehr. Die neue war noch nicht selbstverständlich geworden. Der frühere Kollege in ihm wollte Harmonie und Zugehörigkeit. Die Führungskraft in ihm wusste zunehmend: Wenn ich nicht führe, entsteht Unsicherheit. Wenn ich Konflikte nicht anspreche, werden sie größer. Wenn ich keine Richtung gebe, entscheidet das System ohne mich.
(05. Neubeginn – Eine neue Art des Führens entsteht) – Eines Morgens sagte die Geschäftsführung zu ihm: „Thomas, Sie müssen klarer führen. Das Team braucht Entscheidungen.“ Der Satz traf ihn. Nicht, weil er falsch war. Sondern weil Thomas plötzlich verstand: Die Beförderung war nicht nur Anerkennung für gute Arbeit. Sie verlangte eine neue Form des Handelns. Er musste nicht zu einem anderen Menschen werden. Aber er musste lernen, seine neue Rolle anders auszufüllen. Damit begann langsam ein Neubeginn: Thomas suchte nicht mehr danach, möglichst genau der alte Kollege zu bleiben. Er begann zu überlegen, wie er als Führungskraft verbunden bleiben konnte.
Die soziale Ordnung
(06. System – Führung geschieht nicht zwischen zwei Menschen allein) – Thomas erkannte zunehmend, dass seine Schwierigkeiten nicht allein etwas mit seiner Persönlichkeit zu tun hatten. Er bewegte sich gleichzeitig in mehreren Systemen: im Team, gegenüber der Geschäftsführung, im Unternehmen, gegenüber Kunden. Jedes dieser Systeme stellte andere Anforderungen. Das Team wollte Nähe und Verlässlichkeit. Die Geschäftsführung erwartete Entscheidungen und Ergebnisse. Kunden erwarteten Leistung und Termine. Thomas selbst wollte fair sein und niemanden enttäuschen. Das Problem lautete deshalb nicht einfach: „Thomas muss selbstbewusster werden.“ Es lautete vielmehr: „Wie kann Thomas innerhalb dieser unterschiedlichen Erwartungen eine stimmige Führungsrolle entwickeln?“
(07. Rolle – Als wer werde ich jetzt gebraucht?) – Besonders deutlich wurde das, als seine frühere Lieblingskollegin Jana zu ihm kam. „Kannst du mal kurz die Auswertung fertig machen? Du bist darin einfach schneller.“ Thomas wollte Ja sagen. Früher hätte er es gemacht. Schnell. Sauber. Ohne Drama. Aber diesmal hielt er inne. Wenn er Ja sagte, war er wieder der Thomas, den alle kannten: hilfsbereit, kompetent und unkompliziert. Wenn er Nein sagte, musste er eine andere Rolle einnehmen. Er sagte: „Ich helfe dir, wenn du festhängst. Aber ich übernehme die Auswertung nicht. Das gehört jetzt zu deinem Bereich.“ Jana verzog kurz das Gesicht. „Früher warst du unkomplizierter.“ Thomas merkte, wie schwer ihm dieser kleine Moment fiel. Er musste lernen: Ich bin weiterhin Thomas. Aber ich werde jetzt in einer anderen Rolle gebraucht.
(08. Erwartungen – Nähe und Führung gleichzeitig) – In Thomas‘ Situation wirkten unterschiedliche Erwartungen gleichzeitig. Die Kollegen erwarteten, dass er einer von ihnen blieb. Die Geschäftsführung erwartete Führung. Jana erwartete weiterhin seine fachliche Hilfe. Thomas selbst erwartete von sich, niemanden zu enttäuschen. Und genau hier entstand Spannung: Nähe und Führung. Harmonie und Entscheidung. Kollegialität und Grenzsetzung. Keine dieser Erwartungen war für sich genommen falsch. Schwierig wurde es dort, wo Thomas versuchte, alle Erwartungen gleichzeitig vollständig zu erfüllen.
(09. Verantwortung – Was gehört wirklich zu mir?) – Am Abend dachte Thomas lange über das Gespräch mit Jana nach. War er egoistisch? War er zu hart geworden? Verlor er die Nähe zum Team? Oder ermöglichte er gerade Verantwortung? Diese letzte Frage blieb. Verantwortung ermöglichen. Vielleicht bedeutete Führung nicht, alles besser und schneller selbst zu erledigen. Vielleicht bestand Führung darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem andere ihre Verantwortung übernehmen konnten. Thomas begann deshalb zu unterscheiden: Was gehört wirklich zu meiner Führungsverantwortung? Was gehört zum Mitarbeiter? Was gehört ins Team? Was muss die Organisation klären? Das veränderte seinen Blick. Verantwortung übernehmen bedeutete nicht mehr, alles selbst zu tragen.
Die Resonanz & Entwicklung
(10. Resonanz und Entfremdung – Wo ist Beziehung lebendig, wo wird nur noch funktioniert?) – Bei der Situation mit Jana hatte Thomas Druck im Brustkorb gespürt. Früher hätte er daraus vielleicht geschlossen: „Das fühlt sich schlecht an. Also mache ich etwas falsch.“ Jetzt begann er genauer hinzusehen. Der körperliche Druck war ein Hinweis. Er zeigte, dass diese Situation ihn berührte. Aber er war noch keine Antwort darauf, was richtig oder falsch war. Thomas bemerkte zunehmend zwei unterschiedliche Erfahrungen. Wenn er versuchte, weiterhin der unkomplizierte Kollege zu sein und gleichzeitig alle Führungsprobleme selbst aufzufangen, fühlte er sich erschöpft, angespannt und innerlich zerrissen. Wenn er dagegen Rollen klärte, Verantwortung verteilte und schwierige Dinge offen ansprach, war das zunächst unangenehm – gleichzeitig entstand langfristig mehr Klarheit und Verbindung. Resonanz bedeutete also nicht: Alles fühlt sich angenehm an. Sie zeigte sich vielmehr dort, wo Thomas merkte: Ich bin mit meiner Aufgabe, den Menschen und meiner Verantwortung wieder wirklich in Beziehung. Entfremdung entstand dort, wo er nur noch versuchte zu funktionieren und allen Erwartungen gleichzeitig gerecht zu werden.
(11. Bedeutung – Was bedeutet mir diese Erfahrung?) – Zunächst deutete Thomas die Veränderung so: „Wenn ich klar führe, verliere ich meine Kollegen.“ Diese Bedeutung machte jede Grenzsetzung bedrohlich. Doch langsam entstand eine andere Deutung: „Ich muss nicht die alte Form von Nähe retten. Ich kann auf eine andere Weise verbunden bleiben.“ Damit veränderte sich nicht das Ereignis. Jana hatte weiterhin gesagt: „Früher warst du unkomplizierter.“ Aber die Bedeutung dieses Satzes veränderte sich. Er bedeutete nicht mehr automatisch: „Du wirst zu einem schlechten Menschen.“ Sondern möglicherweise: „Deine Rolle verändert sich – und damit verändert sich auch unsere Beziehung.“ Diese neue Bedeutung gab Thomas einen anderen Handlungsspielraum.
(12. Antwort – Wie möchte ich darauf antworten?) – In der folgenden Woche führte Thomas sein erstes wirklich klares Teamgespräch. Er war nervös. Er hatte sich einige Sätze aufgeschrieben. Er wollte nicht drohen. Aber er wollte auch nicht mehr ausweichen. Er sagte: „Ich merke, dass ich in den letzten Wochen versucht habe, gleichzeitig Kollege und Führungskraft zu bleiben. Das funktioniert nicht sauber. Ich bin weiterhin Thomas. Aber meine Rolle hat sich verändert. Ich werde nicht alles selbst erledigen. Ich werde aber klarer benennen, was wir brauchen, wer wofür zuständig ist und wo wir Entscheidungen treffen müssen.“ Im Raum war es still. Dann fragte jemand: „Heißt das, du kontrollierst uns jetzt mehr?“ Thomas atmete aus. „Nein. Es heißt, dass ich Verantwortung nicht dadurch übernehme, dass ich alles an mich ziehe. Ich möchte, dass wir klarer miteinander arbeiten.“ Dieser Satz war seine Antwort. Nicht auf eine einzelne Situation, sondern auf seinen gesamten Übergang. Er begann: Grenzen zu setzen, Rollen zu klären, Konflikte früher anzusprechen, Verantwortung bei anderen zu lassen, Entscheidungen zu treffen, und trotzdem ansprechbar zu bleiben. Thomas wartete nicht mehr darauf, dass sich seine neue Rolle irgendwann richtig anfühlen würde. Er begann, sie aktiv zu gestalten.
(13. Entwicklung – Eine neue Form von Führung entsteht) – Thomas verteilte Aufgaben nun nicht mehr nach dem Prinzip: „Wer macht es am schnellsten?“ Sondern nach der Frage: „Wer muss welche Verantwortung übernehmen, damit das Team wachsen kann?“ Er führte kurze Abstimmungsrunden ein. Er klärte Zuständigkeiten. Er sprach Konflikte früher an. Manche mochten das nicht. Vor allem diejenigen, die davon profitiert hatten, dass Thomas vieles selbst übernommen hatte. Andere wurden sicherer. Einige Wochen später kam Jana wieder zu ihm. „Ich habe die Auswertung gemacht. Kannst du einmal drüberschauen? Nicht machen. Nur schauen.“ Thomas lächelte. „Gerne.“ In diesem Moment merkte er: Führung bedeutete nicht, sich zu entziehen. Sie bedeutete, anders da zu sein. Nicht als Ersatzarbeitskraft. Nicht als bester Kollege. Nicht als Retter. Sondern als jemand, der Orientierung gibt und Verantwortung ermöglicht.
Mit der Zeit veränderte sich auch sein Körpergefühl. Am Anfang war fast jedes klare Wort mit Druck verbunden gewesen. Später entstand mehr Gelassenheit. Nicht, weil Führung plötzlich leicht geworden war. Sondern weil Thomas nicht mehr versuchte, seine alte Rolle zu retten. Er musste nicht beweisen, dass er weiterhin „einer von ihnen“ war. Er hatte gelernt, auf eine neue Weise verbunden zu bleiben. Eines Tages sagte ein Mitarbeiter nach einem schwierigen Gespräch: „War unangenehm. Aber fair.“ Für Thomas war dieser Satz mehr wert als ein schnelles Lob. Denn inzwischen verstand er: Führung bedeutet nicht, von allen gemocht zu werden. Führung bedeutet, einen Raum zu schaffen, in dem Arbeit, Verantwortung und Entwicklung möglich werden. Thomas war nicht weniger Mensch geworden. Er war auch nicht einfach vom Kollegen zum „Chef“ geworden. Seine Entwicklung bestand darin, eine neue Beziehung zu seiner Aufgabe, seiner Rolle, seinen Mitarbeitenden und seiner Verantwortung zu entwickeln. Aus dem Leistungsträger, der vor allem durch eigene Arbeit überzeugte, wurde zunehmend eine Führungskraft, die andere befähigte, Verantwortung zu übernehmen.
Das Resonanzmodellim Überblick
Praxisbeispiel 2:Fachkraft, die zusätzlich Ausbilder wird
Der Auslöser
1. Ereignis: Die Führungskraft fragt eine erfahrene Fachkraft, ob sie künftig einen neuen Azubi ausbilden möchte. Etwas geschieht und unterbricht die bisherige Ordnung. | 2. Veränderung: Neben der eigenen Facharbeit kommen Lernbegleitung, Gespräche, Beurteilungen und Verantwortung für Ausbildung hinzu. Der bisherige Arbeitsalltag verändert sich. Veränderung bedeutet: Etwas ist danach anders als vorher.
Der Übergang
3. Abschied: Die Fachkraft merkt, dass sie nicht mehr ausschließlich für ihre eigene Arbeit zuständig ist. Ein Teil der bisherigen Freiheit und Routine geht verloren. Entwicklung braucht die Würdigung dessen, was nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. | 4. Zwischenraum / Orientierung: Sie schwankt: „Bin ich jetzt Fachkraft, Ausbilder oder beides? Wie viel soll ich helfen? Wann muss der Azubi selbst Verantwortung übernehmen?“ Alte Routinen reichen nicht mehr, die neue Rolle ist aber noch nicht sicher. Zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht entsteht der Raum, in dem neue Orientierung wachsen kann. 5. Neubeginn: Nach einigen Monaten findet sie ihren eigenen Stil. Sie plant Lernaufgaben, führt Reflexionsgespräche und erlebt sich zunehmend als Fachkraft und Lernbegleiter. Neubeginn wird sichtbar, wenn eine neue Form des Handelns und der Beziehung tragfähig wird.
Die soziale Ordnung
6. System: Sie erkennt, dass Ausbildung nicht nur zwischen ihr und dem Azubi stattfindet. Führung, Team, HR, Berufsschule, Kammer und betriebliche Abläufe wirken mit. Bevor ich Verhalten bewerte, frage ich: In welchem System entsteht es? | 7. Rolle: Formal ist sie Fachkraft und Ausbilderin. Gleichzeitig erwarten manche Kollegen, dass sie weiterhin genauso produktiv arbeitet wie vorher. Sie muss klären, in welcher Rolle sie wann handelt. Ich bin nicht meine Rolle – aber ich muss wissen, als wer ich gerade gebraucht werde. | 8. Erwartungen: Der Azubi erwartet Unterstützung, die Führung gute Ergebnisse, die Kollegen möglichst wenig Störung und die Fachkraft selbst möchte ein guter Ausbilder sein. Einige Erwartungen widersprechen sich. Erwartungen steuern Verhalten – besonders dann, wenn sie unausgesprochen bleiben. | 9. Verantwortung: Anfangs fühlt sie sich dafür verantwortlich, dass der Azubi motiviert ist, alles versteht und die Prüfung besteht. Später erkennt sie: Sie trägt Verantwortung für gute Lernbedingungen – nicht für jede Entscheidung des Azubis. Verantwortung wird gesund, wenn ich unterscheiden kann, was zu mir gehört und was beim anderen oder im System bleiben muss.
Die Resonanz & Entwicklung
10. Resonanz / Entfremdung: Wenn der Azubi plötzlich einen Zusammenhang versteht und selbstständig handelt, spürt sie Freude, Energie und Verbindung. Wenn Ausbildung dagegen nur als Zusatzaufgabe behandelt wird und ihr niemand Zeit dafür gibt, empfindet sie Druck, Müdigkeit und innere Distanz. Resonanz zeigt, wo Beziehung lebendig ist; Entfremdung zeigt, wo ich nur noch funktioniere. | 11.Bedeutung: Sie könnte die Belastung deuten als: „Ich bin kein guter Ausbilder.“ Oder anders: „Ich wachse gerade in eine neue Rolle hinein und brauche dafür Zeit, Klarheit und Unterstützung.“ Nicht nur was geschieht wirkt auf mich, sondern auch, was es für mich bedeutet. | 12. Antwort: Sie spricht mit der Führung über feste Ausbildungszeiten, gibt dem Azubi mehr Eigenverantwortung, setzt Grenzen und entwickelt ihren eigenen Stil der Lernbegleitung. Entwicklung beginnt dort, wo ich eine eigene Antwort auf das finde, was mir begegnet. | 13. Entwicklung: Aus der früheren Fachkraft wird keine völlig andere Person. Sie integriert eine neue Rolle und Selbstbeschreibung: „Ich bin Fachkraft und Lernbegleiter und kann beide Verantwortungen bewusst unterscheiden.“ Entwicklung heißt nicht, jemand anderes zu werden, sondern Erfahrungen bewusst in eine neue Form des Lebens und Handelns zu integrieren.
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ANDREAS GERNAND (Ausbilderwelt)
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